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Stadtteilbibliothek Berlin-Kreuzberg

Interkulturelle Familienbibliothek am Kottbusser Tor in Berlin Kreuzberg Realisierung 2009 - 2011

Interkulturelle Familienbibliothek am Kottbusser Tor in Berlin Kreuzberg Realisierung 2009 - 2011

Die Sanierung der Wilhelm-Liebknecht Bibliothek begann mit dem Vorhaben einer energetischen Fassadensanierung im Rahmen des durch die Bundesregierung initiierten Konjunkturpakets II. Das in den sechziger Jahren errichtete Gebäude sollte an die aktuellen Energiestandards angepasst werden. Zusätzlich wurden Mittel im Förderprogramm BIST (Bibliothek im Stadtteil) beantragt. Mit dem positiven Bescheid entstand die Chance, das Haus grundlegend umzubauen, und für die neuen Aufgaben der Bibliothek zukunftsfähig zu machen.

Mit dem Förderantrag wurde die Programmatik der Bibliothek mit den Akteuren grundlegend diskutiert: der Standort der Bibliothek am Kottbusser Tor im Stadtteil Kreuzberg gilt als ein sozialer Brennpunkt der Stadt. Vor der Kulisse des Neuen Kreuzberger Zentrums, einem Gebäudekomplex aus der 70er Jahren, hat sich ein Drogenumschlagplatz mit einem hohen Gewaltpotential entwickelt. Das Einzugsgebiet der Bibliothek ist zum großen Teil durch Migranten aus unterschiedlichen Herkunftsländern bestimmt, deren Verhältnis untereinander Konfliktpotential beinhaltet.

In diesem Spannungsfeld hat sich das klassische Aufgabenfeld der Bibliothek verschoben: neben den Aufgaben einer klassischen Leihbibliothek spielen Angebote im Bereich der Fort- und Weiterbildung und der Kultur eine wesentliche Rolle im Alltag der Bibliothek. Das Haus wird mit seinen räumlichen Angeboten diesen Anforderungen nicht gerecht. Für die sehr unterschiedlichen Nutzergruppen mit ganz unterschiedlichen Tätigkeiten und Wünschen sind keine adäquaten Bereiche vorgesehen, was zu schwierigen Konflikten im Alltag führt. Viele Angebote der Bibliothek müssen auf Grund der Struktur des Hauses in enger Nachbarschaft erfolgen, ohne die Möglichkeit, akustisch separierte Bereiche nutzen zu können. Ziel der Planung ist es, mit minimalen baulichen Mitteln neue Raumkonstellationen zu erzeugen, die es ermöglichen, den zur Verfügung stehenden Raum optimal zu nutzen und die Aufenthaltqualität für die Besucher zu verbessern.

Durch transluzente Profilglaswände in den verschiedenen Etagen werden nun neue Raumsequenzen geschaffen, ohne die Großzügigkeit der Räume spürbar einzuschränken. Mit dieser Maßnahme sollen möglichst flexible Bereiche geschaffen werden, die ohne Aufwand für unterschiedliche Veranstaltungen genutzt werden können.

Als zentrales Gestaltungsmittel wird Farbe eingesetzt: jede Etage mit ihren unterschiedlichen Themen erhält eine eigene Identität. Die Farbe wird sowohl auf dem Boden, an den Wänden und in der farblichen Neugestaltung der bestehenden Möbel eingesetzt. Damit wird es möglich, zwischen den neu gestalteten Möbel und dem Möbelbestand zu vermitteln – mit dem Ziel, ein einheitliches Gesamtbild zu erzeugen.

Die maßgebliche Umgestaltung wird im Foyerbereich realisiert. Durch die Schließung der Hofdurchfahrt wird die Fläche des Foyers erheblich erweitert. Diese Fläche wird genutzt, um die Umstellung der Organisation des Eingangsbereichs zu realisieren, die durch die Einführung der RFID-Technik entstehen wird, hier werden Plätze für Selbstverbuchergeräte vorgesehen. Als weitere Maßnahme wird im Eingangsbereich ein Zeitschriftenbereich entstehen, der mit einer Kaffeetheke zum Verweilen einladen soll. Dieser Bereich liegt an der Straßenseite und wird durch eine transparente, großformatige Glasfassade das Schaufenster der Bibliothek zum Stadtraum sein.

Im Zuge der Fassadensanierung erhält das Gebäude auf der repräsentativen Straßenseite eine Glashaut aus Profilglas. Diese vorgestellte Glashaut übersetzt die Proportionen der ursprünglichen Bandfassade in unterschiedliche Glasqualitäten: Dort, wo Fenster angeordnet waren, wird die Glassfassade zweischalig ausgeführt, der Zwischenraum der Profilglaselemente wird mit transparenter Wärmedämmung ausgefüllt. Auf diese Weise können kostengünstig lichtdurchlässige – und gedämmte - Fassadenfläche erzeugt werden. Mit dieser gläsernen Haut erhält das Haus ein neues, an diesem Standort signifikantes Erscheinungsbild. Mit der Verwendung von Profilglas wirkt diese Haut in ihrer Materialität robust und kann sich gegenüber der Rauheit des Ortes behaupten.

Team Katharina Feldhusen, Ralf Fleckenstein
Mitarbeit Matthias Hanzlik, Lisa Plücker, Daniel Güthler
Kooperation LPH 6 Stephan Holtz, Berlin
Tragwerk und TGA IB ICL, Berlin
Projektsteuerung: nitec gmbH, Berlin
Auftraggeber Bezirksamt Friedrichshain - Kreuzberg
Baukosten komplett 1.080.000 EUR

Fotograf Andreas Meichsner